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Buchpreis 2004 - Leseprobe

Aus dem Roman: "Ohne Maria" von Wolfgang Schömel

Anmerkung: Die Leseprobe entspricht der Aufnahme von der Preisverleihung am 21. August 2005. © Verlag Klett-Cotta, Stuttgart.

Inzwischen habe ich das Laub der Pappeln vor Dr. Morgans Fenster schon einige Mal fallen sehen. Ich sah das frische Grün und den Schnee auf den Zweigen. Ich weiß genau, wann die Frühlinge der letzten Jahre begannen, wie warm es Ende Oktober vorletzten Jahres war, und dass der Flieder Anfang Mai blüht. Ich achte sehr genau auf die Vorgänge in der so genannten Natur. Selbst ein junger Mensch, sagen wir: ein Zwanzigjähriger, kann, wenn er Glück hat, lediglich mit weiteren vierzig, fünfzig Frühlingen rechnen, und damit, dass an den bewaldeten Hügeln die jungen Blätter der Laubbäume wie hellgrüner Schaum aus den dunklen Beständen der Nadelhölzer leuchten. Ich hänge mit Furcht und Pedanterie an den Sensationen der rasch vergehenden Jahreszeiten. Sogar im geschlossenen Raum kann ich meist sagen, woher der Wind weht. Wenn ich es nicht an der Farbe des Lichtes sehe, merke ich es an meiner Stimmung. Am liebsten habe ich den Nordostwind. Mit seiner harten Klarheit, die er über den Himmel bringt, erweitert er den leer geräumten Raum in mir. Aber auch die Gier danach, die Schönheit der Natur in mich eindringen zu lassen und zu spüren, wie dieser leere Raum gefüllt wird, ist bei Nordostwind am stärksten. Zugleich dauert es sehr lange, bis dieser Sinn oder Trost, oder wie immer man das nennen soll, sich einstellt. Viele Stunden müssen in Rastlosigkeit vergehen, bis ich schließlich einige Sekunden erlebe, in denen ich ganz ruhig bin und mich eins fühle mit der Natur.
Bei Nordostwind schaute ich früher über das Land, und angenommen, es war Mai, und angenommen, ich war in der Hügellandschaft, die ich liebte: Ich blickte über die Rapsfelder und in der Ferne auf den Wald, der sich den Hang hinaufzog. Und tatsächlich leuchteten die jungen Blätter der Laubbäume wie hellgrüner Schaum aus den dunklen Beständen der Nadelhölzer. Es war lichter Vormittag, und mein Gehirn schrie „Schönheit“, aber nur als Wort, nicht als Empfindung meines Körpers. Er trieb mich umher, der Nordostwind. Ich lief und hetzte und wartete, bis ich endlich müde wurde. Ich sprach dabei mit mir selbst, ich formulierte und raste und fluchte. Endlich kam der Abend, endlich genügten mir ein einzelner Baum, ja eine einzelne Blume, ein Stück Himmel oder, noch viel wunderbarer: ein plötzlicher warmer Windstoß, der einen Geruch mit sich führte, um zur Ruhe und zur Versöhnung mit meinem Leben zu kommen. Dieser Moment kam, und er war schon wieder vorbei. Ich sagte mir: Hab Vertrauen in diesen Moment und dass er immer da sein wird, auch wenn du selbst verschwunden sein wirst.
Das ist lange her. Bei Nordostwind kann ich mir heutzutage besonders gut mit Dr. Morgan helfen. Ich fühle mich nach meiner Therapiestunde, als habe sie mir viel Blut aus den Adern gezapft. Aber zusammen mit der Schwäche kommt auch etwas Ruhe. Ich wünsche mir in diesen Momenten, dass ich noch ein paar Jahre hindurch Ruhe haben werde, mit viel Schlaf und mit dem Gefühl, dass mir nichts Wesentliches fehlt, dass nichts mehr gesucht werden muss.

Mehr als vier Jahre ist es inzwischen her, dass Maria „von mir gegangen“ ist. Seit einiger Zeit versuche ich, diese und keine anderen Formulierung zu verwenden und meinem Gehirn die passenden Bilder dazu abzupressen. Ich sehe einen Rücken, es ist ihr Rücken, sie hat ihn mir zugewandt, ich sehe ihren Kopf, den sie nicht zu mir umdreht. Sie geht durch eine Tür, sie verlässt mich. Diese Bilder stammen vermutlich aus Spielfilmen, sie sind leicht abrufbar, ich klammere mich sozusagen an ihnen fest. Jedenfalls sehe ich mich nicht in der Nacht, als ich in dieser absoluten Stille tatsächlich neben ihr saß, als ich die letzten Stunden mit ihr verbrachte. Die Spielfilm-Bilder sind leichter vorstellbar als die wirklichen. Es war ja damals, als Maria von mir ging, tatsächlich keineswegs so, dass sogleich der Gedanke, unter keinen Umständen weiterleben zu können, gedacht worden wäre, spürbar zunächst oben an der Kehle, dann hinunter brennend durch den Bauch in die Beine, als wäre ich eine Wunderkerze, die sich selbst vernichtet. Das kam später.

Es ist merkwürdig, dass mir die Zeit, die seither verstrichen ist, viel kürzer erscheint als die zwei Jahre, die ich Maria kannte. Andererseits erinnere ich mich sehr wohl daran, wie zäh die Zeit verging in diesen Jahren nach Maria, ohne Maria, wahrscheinlich, weil sie weitgehend aus Elend bestand und weil das meine Zeitwahrnehmung verlängerte. Ich muss bloß die Luft anhalten und erleben, wie lange drei Minuten dauern. Wenn ich aber heute zurückschaue auf diesen Zeitraum, diese viereinhalb Jahre, zieht er sich zusammen und wird sehr kurz. Alles hat unter einem einzigen Thema gestanden. Es fehlen die Konturen, und in dieser Hinsicht sind sich Leid und Langeweile sehr ähnlich. Ich schaue zurück, und die Jahre ohne Maria erscheinen in meinem Leben wie ein zusammenhängendes Ereignis, obwohl in der Tat sehr viel Verschiedenes geschehen ist - vielleicht mehr als je zuvor. Darüber liegt jedoch so etwas wie ein einziges starkes Aroma oder ein lautes, dröhnendes Geräusch ohne nennenswerte Modulation, das noch nicht verklungen ist und auf das sich alles irgendwie sämig eingestimmt hat. Alle Ereignisse werden einander ähnlich, so verschieden sie auch sind. Alle waren sie auf denselben Ton gestimmt. Die kurze Zeit, in der Maria und ich ein Paar bildeten, war hingegen von Stimmungsschwankungen, von bewusstlosen Aktionen des Glücks und des Unglücks gezeichnet. Es gibt für diese Geschehnisse keinen gemeinsamen Nenner, noch weniger für die Gefühle, die ich in mir entwickelte und die sich von Woche zu Woche, von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde änderten. Deswegen kommt mir dieser Zeitraum mit Maria in der Rückschau sehr ausgedehnt vor, zumal ich lange versuchte, jeden Tag, jeden Augenblick und alle Sätze, die wir wechselten, nicht nur zu rekonstruieren, sondern sie auf stets neue, immer tiefere Art zu verstehen. Ich erfand ständig neue Sätze und Handlungen, die ich in die Erinnerung hinein montierte, um zu testen, wie sie das Geschehen womöglich in eine andere Richtung hätten lenken können. Ich probierte neue Vergangenheiten aus, und manchmal fürchte ich, dass sich einige von ihnen in meinen Erinnerungen etablierten. Schließlich, so war wohl meine Hoffnung, würde ich eine vollendete Einsicht in das erlangen, was zwischen uns gewesen war. Diese Einsicht würde mich erlösen, mein Leben hätte einen neuen Anfang. Kein Wunder also, dass mein Leben ohne Maria zeitlich nichts mehr galt. Ob nach zwei, drei, oder vier Jahren – irgendwann, erst nach sehr langer Zeit, hatte ich gelegentlich das Gefühl, in einer Situation tatsächlich zugegen zu sein. Ich konnte ein Glas Wein trinken, das mein Gemüt erhellte, statt es noch stärker zu zerrütten. Irgendwann gab es eine ganze Stunde, in der ich nicht in meinen inneren Räumen herumschrie, obwohl ich auch in dieser Stunde im Grunde nichts anderes tat, als mich zu erinnern und nachzutrauern.
Immer wieder habe ich mich gefragt, warum ich nicht aufhören kann mit diesem Nachtrauern, warum ich nicht „loslassen“ kann, wie Dr. Morgan sich auszudrücken pflegt. Ich sehe andere Leute, die etwas verlieren, ich sehe Überlebende von Massakern und Naturkatastrophen im Fernsehen: Sie haben ihre Familien, alle ihre sieben Kinder oder ihre Freunde verloren, aber sie leben weiter, und sie scheinen erstaunlich gefasst zu sein. Sie geben Interviews, während die Reste ihre Frauen unter den Trümmern der eingestürzten Häuser liegen, oder kurz nachdem sie ihre Säuglinge gefunden haben, die man in die Luft geworfen und mit Macheten aufgefangen hat. Warum kann ich mein eigenes kleines Schicksal nicht verwinden? Ich selbst sehe, wie mein Körper in den vergangenen Jahren gealtert ist. Mein Blick ist matter geworden, und manchmal, wenn ich Treppen steige, ist nicht nur mein lädiertes rechtes Bein steif und schwer. Vier Jahre sind ein großer Teil eines durchschnittlichen Lebens. Ich habe gelesen, dass kaum eine Zelle in meinem Körper noch dieselbe ist wie damals. Praktisch hat sich mein gesamter Körper ausgetauscht in dieser Zeit. Aber was ist mit den Zellen meiner Seele? Warum ändert sich dort so wenig? Und wenn ich Dr. Morgan glauben darf: Warum vergiften die Erinnerungen an die Niederträchtigkeiten, die mir als Kind widerfahren sind, bereits die Hälfte meiner Lebenszeit? Fast alle meine Albträume spielen nach wie vor im elterlichen Haus, einige in den Straßen der kleinen Heimatstadt, einige im großen Park des barocken Schlosses, in dem ich mit der Mutter spazieren ging und in dem ich später zum Spielen war. Selbst albtraumhafte Inszenierungen aktueller Erlebnisse verlege ich an diese Orte, und die mit Maria sowieso. Warum kann ich mir selbst nicht endlich meine Existenz vergeben, meinen Charakter und die Fehler, die ich gemacht habe? Von mir aus könnte ich innerlich schlaffer und müder werden, ich hätte nichts dagegen. Aber es scheint, die Seele hat eine andere Zeitrechnung als der Körper, in dem sie wohnt. Fünf Jahre, zehn Jahre, fünfzig Jahre, das ist keine Zeit für sie. Vielleicht gibt es überhaupt keine Seelenzeit. Vielleicht kennt nur der Körper so etwas wie Zeitgefühl. Ich denke daran, wie alte, gebrechliche Leute von ihrem Leid erzählen, das vor vielen Jahrzehnten geschehen ist, als sie junge Männer und Frauen, als sie in den Nazi-Konzentrationslagern waren. Oder ich denke an die Überlebenden von Stalingrad. Sie sind fassungslos vor Schmerz, so, als wäre das alles gestern geschehen. Junge Tränen laufen über die alten faltigen Wangen. Oder wenn man einen Freund trifft, den man zehn Jahre nicht gesehen hat: Es dauert nur ein paar Minuten, dann redet man, als habe man sich nie getrennt. Manchmal führt man ein Gespräch weiter, das man vor zehn Jahren begonnen hat, so, als sei überhaupt keine Zeit verstrichen. Vielleicht betrachte ich diese Zeitlosigkeit irgendwann einmal als einen tröstenden Hinweis darauf, dass unser Innerstes nicht sterben wird.

(…..)

Damals jedoch, an Sonntagnachmittagen, wenn alles wie von feinem weißen Schaum gedämpft war, wenn nichts sich bewegte und wenn gerade deswegen die Zeit und das Leben spürbar, körperlich spürbar verrannen, wünschte ich mir manchmal nichts anderes als dieses Alleinsein, nämlich dass nichts zwischen mir und dem Verfließen meines Lebens stand. Ich wurde mir in diesen Situationen bewusst, dass Zweisamkeit keinen absoluten Wert für mich besaß. Im Hintergrund meines Denkens hatte ich, wenn ich einige Tage zweisam verbrachte, gelegentlich das Gefühl von Zeitverschwendung. Das Alleinsein war immer der geradere, ehrlichere, mutigere Zustand, und auch der schwierigere. Jedenfalls kam mir das damals so vor. Die wichtigen Gedanken, falls es denn überhaupt wichtige Gedanken gibt, fanden sich nur dann bei mir ein, wenn ich allein war. Dr. Morgan glaubt, dass dies an der Art des Miteinanders liegt, die ich als Kind und Jugendlicher erlebt habe. Ich bin hiervon nach wie vor nicht überzeugt. Ich glaube, ich komme beim Alleinsein näher an die eigentlichen Probleme des Lebens. Und, so unnötig meine grüblerischen Gedanken waren, so wenig sie irgendjemanden interessierten, ich wollte, ich musste sie dennoch denken. Zweisamkeit erschien mir wie ein Kompromiss, der alles verkleinerte, jede Handlung, jede Idee, jeden Gemütszustand, natürlich auch das Leid und die Panik. Klare und reine Verzweiflung etwa, die fühlte ich nur, wenn ich allein war. Oder die glückliche Läuterung durch einen langen Spaziergang oder Waldlauf: Zu zweit kam sie gar nicht zustande, oder sie löste sich auf, wenn ich sie allein erreicht hatte und mich anschließend in die Zweisamkeit begab. Das Zusammensein schleift die existentiellen Extreme ab. Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass Menschen, die über Jahrzehnte hin nicht über eine längere Strecke allein waren, stets etwas Abgestorbenes an sich haben.
Die Frauen, mit denen ich zu tun hatte, mussten mein inneres Gespaltensein, was das Zusammensein mit ihnen anging, ahnen. Es war eine Bedrohung für sie, wenn sie sahen, wie ihnen mein Gesichtsausdruck entglitt. In diesen Sekunden erholte ich mich von der Zweisamkeit, ich ruhte eine Weile aus. Hinzu kam, dass es mich anstrengte, jemandem lange Zeit hindurch mein Gesicht zu zeigen, zumal aus der Nähe. Erst durch Dr. Morgan verstand ich, dass ich Maria nicht geglaubt habe, wenn sie später, während unseres Zusammenlebens, sagte, sie schaue mich gerne an, sie schaue mir gerne in die Augen. Gerade dann, wenn sie sich am wohlsten mit mir fühlte, wurde ich überanstrengt und traurig und rückte von ihr ab in eine Ferne, von der sie keine Vorstellung hatte. Und wenn ich dies hier niederschreibe, höre ich Maria, wie sie mir irgendwann leise und mit einer scheuen Hoffnung auf Antwort sagte, ich käme ihr manchmal kühl vor. Ich denke an meine Angst davor, sie könne Recht haben und falls ja, sie könne mich deswegen verlassen. Auch bezog sie es gewiss auf sich, wenn ich ganz allgemein über die Klarheit des Gedankens sprach und die Umstände lobte, die ihn ermöglichten. Sie behauptete manchmal, sie käme nie wirklich an mich heran, was in soweit stimmte, als dass es mich, wenn überhaupt jemals, ausschließlich in den kurzen Momenten der äußersten Ruhe tatsächlich gab, die ich nur sehr selten und nur allein erreichen konnte.
Es gab mich nur in diesen Sekunden, etwa dann, wenn ich eine lange, anstrengende Wanderung für einen Schlaf im Sonnenlicht unterbrach, wenn ich aus diesem Schlaf erwachte und nur die Insekten in meiner Nähe hörte, wenn ich dann die Augen öffnete und das Grün der Pflanzen und die Weite der Landschaft regelrecht in mich einströmten. In diesen Sekunden hatte ich das Gefühl, das Alleinsein vollendet und mein Innerstes erreicht zu haben. Wenn es eine Ruhe gab für mich, eine Pause im rastlosen Getriebensein - und von mir aus kann man diese Pause auch „Schönheit“ nennen oder „Gott“ oder sonst wie - dann war es gewiss ein solcher Moment. Und er hatte den Vorteil, dass ich, um ihn zu erreichen, nicht die Hilfe eines anderen bedurfte und nicht der leidenschaftlichen und erfolgreichen Verliebtheit. In diesem selben Moment tauchte allerdings der Wunsch auf, die Situation mit jemandem zu teilen, mit dem ich in symbiotischer Liebesverbundenheit lebte. Aber dieser jemand hätte in Wahrheit eine Abteilung von mir selbst sein müssen, sonst wäre nämlich die Vollendung gar nicht erst entstanden. Außerdem wusste ich, dass es keinen Zweck hatte, die göttliche Schönheit der Situation, zu der ich glücklich selbst gehörte, festhalten zu wollen. Sie entfernte sich rasch wieder. Gleichzeitig entferne ich mich von mir selbst, und ich entfernte mich von der milden Überlegenheit, die ich ein paar Augenblicke lang gegenüber allen anderen Menschen empfunden hatte. Wenn dann, im Weitergehen, der Schmerz über den baldigen Verlust meiner Existenz, über den Verlust der Welt und der sommerlichen Erde, auf der ich gerade noch so schön vorhanden war, über mich herfiel, blieb ich ein paar Sekunden lang stehen und rieb mir mit den Handflächen voller Entsetzen über mein Gesicht. Auch dies konnte niemand mit mir teilen, weil niemand mein Ende mit mir teilen wird.

(….)

Zu Dr. Morgan sagte ich einmal, dass ich viel häufiger und länger mit der abwesenden Maria geredet habe als mit der anwesenden. Typisch ungerührt bemerkte sie: „Daran erkennt man die Liebe. Und den Hass. Außerdem ist sie nicht abwesend, wenn sie mit ihr reden. Sie ist dann bei ihnen.“
Mir geht das zu weit, das ist mir zu esoterisch, zu selbsttröstend, oder wie soll ich so etwas nennen? Jedenfalls kann ich es mir leider nicht so einfach machen.

Im Dämmerlicht bestieg ich den Aussichtsturm auf dem Salzkopf. Wie häufig kurz vor Weihnachten, war es auch an diesem Tag erstaunlich warm. Schweißnass, wie ich nach dem Lauf war, hatte ich dennoch keine Angst, mich zu erkälten. Ein warmer Wind blies aus Südwesten. Zwar roch er ein wenig nach herbstlichem Moder, vorherrschend aber war der unzeitgemäße, fast südliche Duft von warmem Nadelwaldboden. Ich blieb lange auf der Plattform, saß auf der Bank, dann stand ich am Geländer, den Blick starr in die Nacht gerichtet. Das Schwanken des Turmes machte mir keine Angst. Im Gegenteil, es war mir willkommen als etwas, das eine wirkliche Bedeutung in meiner jüngsten Vergangenheit gehabt hatte. Seit Wochen war ich sehr weit von den Zuständen entfernt gewesen, in denen ich mein Wesen spürte. Selbst meine gehetzte Melancholie, unter der ich immer gelitten hatte und auf die ich dennoch nicht verzichten konnte, weil sie wohl der Schlüssel zu meiner persönlichen Welterkenntnis war, schien mir abhanden gekommen. Zweifellos war es mir dabei sehr gut gegangen, ungewöhnlich, ja sensationell gut für meine Verhältnisse. Aber ich fühlte mich durch nichts bewegt. Jetzt, in der Finsternis, auf dem schwankenden Turm, als ich die Hände fest um das Geländer klammerte und den Blick auf die fernen Lichter unten im Mittelrheintal richtete, war ich plötzlich wieder einmal tatsächlich existentiell anwesend und in den Dingen vorhanden. Es war, als lagere mein Vorhandensein in der Welt ruhig über den finsteren Waldrücken.
Wenn ich solch einen Augenblick erlebe - und ich habe mich bereits in verschiedenen Anläufen bemüht, einer Beschreibung wenigstens nahe zu kommen, und ich sagte auch, wie wenig ich diese Momente konservieren kann - dann ist es in der Tat jedes Mal so, als sinke ich in alles hinein, was um mich herum ist. Manchmal glaube ich in diesen Sekunden, eine Klarheit über Angelegenheiten zu gewinnen, die ich vorher über Wochen hinweg unklar betrieben habe, so, als hätte ich alles nur deswegen getan, um irgendwann einige Sekunden lang den Kern meines Tuns zu erkennen. Diese Erkenntnis ist plötzlich intensiv, fast stofflich vorhanden und entsteht besonders aus den Dingen, die ich anfasse oder in den Händen halte, damals eben aus dem Geländer der Aussichtsplattform. An diesem frühen Abend, zwei Tage vor Weihnachten, hatte ich plötzlich eine halluzinatorische Kenntnis davon, dass mein Leben sich in eine falsche Richtung entwickelte. Mir schien es, als habe sich im vergangenen Sommer ein Weg gezeigt, ja freigeschlagen, den ich leider nicht hatte gehen können.
Als der Augenblick vorbei war, löste ich meine Hände vom Geländer und setzte mich wieder auf die Bank, auf der ich damals gesessen hatte, als Marias Scheitel in der Bodenöffnung auftauchte. Der Moment war vorbei, und mit ihm auch die Klarheit meines tatsächlichen oder scheinbaren Wissens um mich selbst. Das wirkliche Leben und seine Verwirrtheiten hatten mich wieder, von denen ich mich offenbar lediglich manchmal und für eine kurze Weile befreien kann, beispielsweise mittwinters im Selbstrausch auf einem Turm im Hunsrück, wenn das Lungenvolumen plötzlich verdoppelt zu sein scheint und wenn die in den zusätzlichen Atemraum einströmende Luft als der bislang fehlende Teil der eigenen Existenz erlebt wird.
Auf dem Weg hinunter hielt ich auf einem der Treppenabsätze kurz an. Ich hatte das Gefühl, etwas Schweres überstanden oder erst in ferner Zukunft vor mir zu haben. Ich legte meine Stirn auf das kalte, oxidierte Eisen des dünnen Handlaufes, um den Geruch des Metalls einzuatmen. Es roch nach kaltem Blut. Vielleicht tat ich deswegen vor mir selbst so, als hätte ich nicht gewusst, dass es so riecht, damit ich in elementarer Rührung einen kurzen Schwall Tränen vergießen konnte.

(….)

„ Zweifellos“, sagte ich zu Dr. Morgan, „habe ich insgesamt, als Grundton meines damaligen Lebens, zumeist das Gefühl gehabt, in irgendeiner Heimat angekommen zu sein, oder zu ihr zurückgekehrt, wie man will.“
„ Und diese Heimat, war das Maria?“
„ Vielleicht war es die Möglichkeit, normal zu sein, planen zu können, etwas Ruhe empfinden zu können.“
„ Also, Maria war, im Grunde genommen, austauschbar?“
„ Nein, das war sie nicht. Sie hat mir die Möglichkeit genommen, aggressiv zu sein, wild zu denken. Das ging nicht mit ihr. Ich musste mich irgendwie bremsen und bescheiden, und das tat mir gut, das besänftigte mich, machte mich langsam, ruhig. Jedenfalls während der Zeit, die ich mit ihr zusammen verbrachte.“
„ Also waren sie sich doch in vieler Hinsicht ganz ähnlich, sie beide. Beide voller Selbstzweifel, ja Selbsthass, beide auf den anderen angewiesen, weil der über Mittel verfügte, die man selbst nicht hatte. Sie waren seelenverwandt, und deswegen haben sie vielleicht gut zusammengepasst.“
„ Diese Suche nach Seelenverwandtschaft“, sagte ich, „ist doch wohl rückwärts gewandt und Leid suchend. Seele ist nichts anderes ist als Leid, das man überstanden hat.“


"Ohne Maria"
- Roman -
Wolfgang Schömel
Stuttgart 2004, gebunden mit Schutzumschlag, 299 Seiten
EUR [D] 19,00 / sFr 34,40 / Verlag Klett-Cotta
ISBN: 3-608-93570-3
Foto vom Bucheinband OHNE MARIA - Roman - von Wolfgang Schömel und Link zur Vergrößerung.